Wo spielt die Musik?
R: Eines ist klar. 100 % paid per copy ist vorbei… Neue Revenue
Streams müssen her. Die Verwertungssysteme funktionieren nicht mehr. Glaub´s mir oder nicht: Ich bin im Minus auf meinem GEMA Konto… Was geht ab?
Leonhard (lacht): Da bist du nicht der einzige.
R: Und bringen die neuen Revenue Streams nicht Gefahren mit sich? Stichwort Kommerzialisierung von Kunst und Kultur?
Das war früher auch nicht anders. Um den Massenmarkt zu bedienen musste man Massenware haben oder sein. Wenn du nicht reingepasst hast, dann gab’s kein Airplay oder MTV. Heute ist es eigentlich anders rum. Wenn du zu sehr Massenware bist, verlierst du dich da. Die Leute suchen viel mehr in den Nischen. Konsum von Medien läuft über Search Engines. Heute google ich oder geh zu Last.fm.
R: Die globale Nische bringt´s. Mit Al Haca verkaufen wir zwar keine Platten, aber touren durch Japan oder Malaysia und Singapore.
Ganz klar. Die, die in den Nischen bleiben und zum Hit oder bekannt werden, haben bessere Chancen. Ich glaube, dass es schon dazu führen kann, dass der Druck von außen Kunst immer mehr zum Produkt macht. Dann beginnt man, sich danach zu richten, was Leute hören oder sehen wollen.
R: Stichwort „Digital Darwinism“.
Jeder kann jetzt. Das macht natürlich deutlich, dass man sich noch mehr mit Qualität und Besonderheit heraus schälen muss.
R: Die Grätsche zwischen Value und Nische sollte nur nicht zu extrem sein, sonst mag mich am Ende nur eine Person – ich selbst.
Das ist auch alles noch in einem Anfangsstadium. Wir haben auch noch kein Breitband für fünf Milliarden Menschen, Die User-Zahl der High-Level-Breitbandnutzer ist noch immer unter einer Milliarde.
R: Stichwort „Digital Devide“.
Genau. Zwei Prozent der globalen Bevölkerung können das genießen!! Wenn das mal auf 30 – 40 Prozent ansteigt, hab ich eine ganz andere Audienz. Der long tail funktioniert ohne den Hals und Kopf noch nicht. Man brauch auch einen Body. Das wird dann erst wahr, wenn diese Massen dabei sind.
R: Du sprachst schon 2005 von der „Music Flat Rate“. Jetzt haben wir Subscribtion Systeme. Wann denkst du, kann es zu einer Art Kultur-Flatrate kommen?
Das sind alles bisher noch „Private Flat Rates“ – der erste Schritt auf einer Skala von 1 bis 100. Mittelfristig brauchen und kriegen wir allerdings die Lizenz, für alle, die sie haben wollen.
R: Wie lang hat´s beim Radio gedauert, bis wir da waren?
Ungefähr 30 Jahre. Beim Internet hätte man viel schneller die Entwicklung abschätzen können. Digitaler Broadcast ist ja nichts anderes als I-Tunes… Wenn das digitale Radio läuft, brauch ich nur auf den Record-Button drücken und habe den Song auch. Jeder Rundfunk- und Fernsehsender wird sich mit diesem Problem auseinandersetzen müssen. Die sind quasi alle Vertreiber von Content. Alle brauchen den Content. Die Telekom-Firmen und Search Engines und und und… Die Contentprovider und Urheberrechts-Eigentümer brauchen die Einnahmen aus den Tantiemen. Einziges funktionierendes System wäre: Content ist ein Netzwerkding. Also auch das Geld und die Aufteilung ist ein Netzwerkding. Ich würde es auch nicht Steuer oder Kultur-Flatrate nennen. Sondern ein System, bei denen wir die Revenue Streams teilen, wenn Leute in diesem Netzwerk aktiv sind. Wenn sie teilen, benutzen, verschicken, was auch immer: Pay with attention. Bei einem globalen Markt der Werbeindustrie von 750 Milliarden Dollar ist Geld da…Technisch ist es natürlich leicht, das zu tracken, was im Internet genutzt wird. Alles über zwei Sekunden kann getrackt werden. Es ist also eigentlich eher so, das der User nicht will, dass seine Daten getrackt werden.
R: Bei Last.FM tun wir das ja alle fleißig.
Das ist auch noch ein frisch geborenes Kind. Ich glaube aber dass diese Transparenz nicht so bestehen bleiben kann. Pay for privacy. Der Schlüssel zur Anonymisierung. Wenn ich also nicht on request sein will, sprich Datenspuren erzeugen, dann zahle ich eventuell.
R: Die Masse bekommt dann vielleicht den gleichen Müll wie auf den majorgesteuerten Radiostationen.
Diese Massenmedien werden es glaube ich in der nächsten Zeit sehr schwierig haben. Durch eine größere Auswahl, die genauso leicht erreichbar ist wie der ORF. Wenn ich meine 20.000 digitale Sender im Autoradio habe, was garantiert kommt, werde ich wohl nur noch kurz für Sport und Nachrichten ORF hören. Vielleicht kann ich dann aber auch kombinieren…
R: Wie konnte es überhaupt passieren, dass die vier Global Player so vor den Baum fahren?
Ich glaube es gibt wenig oder keine Industrien, die so disconnected und ignorant sind wie die Musikindustrie. Das sieht man immer auf dieser Midem oder so wenn die Plattenbosse stolz sind auf irgendein Copyright, was sie besitzen. Die Welt ist aber schon zu 99 % weiter! Das ist traurig und lustig gleichzeitig. Durch diesen Realitätsverlust ist die Industrie gar nicht mehr da, wo eigentlich die Fans und User sind. Die User machen uns ja die ganze Zeit vor, wie‘s geht….

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