Producing with: N.Phect und Dizplay - Part1
Ein angehender Drum’n’Bass-Produzent kommt auch nicht umhin, sein genussbasiertes Musikverständnis nachhaltig zu verändern: Er ist gezwungen, seine analytischen Fähigkeiten so zu trainieren, dass er einen Tune nicht mehr als sechsminütige Magie wahrnimmt, sondern ihn in einem vierdimensionalen Raum zerlegt.
Erste Dimension: die Zeitachse. An dieser hangelt sich das Arrangement entlang. Darüber hinaus: das Stereo-, das Lautstärke- und das Frequenzbild. Beim Erstellen eines Tracks ist dieser vierdimensionale Raum mit einer großen Menge an Elementen zugemüllt: zum Beispiel mit Hihat-Schlägen, die mückenartig in den äußeren Bereichen herumschwirren, und Basslines, die als spektral tief liegendes, mittig gespanntes Rückgrat mit klarer Abgrenzung zum Rest agieren.
Der Spagat zwischen künstlerischem Aspekt und tontechnischer Arbeitsweise ist somit ein steter Lernprozess, an dessen Ende man die tontechnische Seite so optimiert einsetzt, dass man sich umso mehr auf die künstlerische fokussieren kann. Schließlich muss man auch zuerst Vokabeln lernen, um eine Sprache beherrschen zu können.
Mittlerweile auf Solopfaden unterwegs: N.Phect & Dizplay
So sollte man seine Lieblingsstücke stets genauer anhören, um wiederkehrende Elemente im 4D-Raum orten und ihre Funktion zu verstehen zu können (diese Vorgehensweise wird übrigens „Reverse Engineering“ genannt). Das ist sehr aufwendig – am Besten, ihr fangt heute damit an! Björk z.B. sagte in einem Interview, sie hoffe, dass man Musik niemals komplett verstehen könne, damit die Magie erhalten bleibe. Nun…äh…sorry, Björk!
Warum ist dieses Verständnis so wichtig? Erstens muss man als Anfänger erst einmal verstehen, wie Drum’n’Bass aufgebaut ist – selbst im quasi-anarchistischen Freejazz gibt es Prinzipien, die gelernt sein wollen. Erst durch die Anwendung dieser Grundlagen klingt ein Stück richtig fett und gleichzeitig frisch. Zudem möchte man als Fortgeschrittener neue Wege gehen, individuell klingen und innovativ sein – Innovation aber findet stets statt als Kombination von Bestehendem statt. Darüber hinaus macht der Vergleich mit anderen Künstlern es leichter, eigene Unzulänglichkeiten zu erkennen, zu verbessern oder neue Wege einzuschlagen.
Nach all diesen trockenen Informationen jetzt eine große Erleichterung: Für diese wie alle weiteren Zwecke gibt es Unmengen an permanent verbesserten Tools, die filigrane Spektralanalysen durchführen oder den Arrangement-Aufbau tatkräftig unterstützen. Zwar kann man sich problemlos drei Generationen lang mit dem Verständnis eines einzelnen EQ-Schalters beschäftigen – die Lernkurve und damit die Zeit bis zu ersten, motivierenden Erfolgen ist aber üblicherweise kurz!
Hardware
An oberster und mit Abstand wichtigster Stelle stehen die Monitorboxen (nein, nicht die Brüllwürfel außen an den Bildschirmen). Ein Monitorpaar ist wie ein guter Freund: Er zeigt dir Fehler auf und nur durch ihn kannst du deinen Ohren wirklich trauen. Viele Boxen neigen leider dazu, den Klang zu verschönbessern. Als Produzent wird man üblicherweise in Gegenwart von 500 enttäuschten Ravern mit den Schwächen der eigenen Monitore konfrontiert. Spar also an allem, nur nicht an den Monitoren! Natürlich macht es bei limitiertem Budget auch Sinn, erst einmal mit kleineren Monitoren zu beginnen. Verboten ist aber Mixen auf Kopfhörern, Laptop-Speakern oder Hifi-Stereoanlagen. Grund: ein verfälschender, nicht-linearer Frequenzgang, was automatisch zu schlechten Mixes führt. Du bist immer nur so gut wie das, was du hörst.
Know your girlfriend, know your dealer, know your speakers!
Spektrale Partitionierung
Unter den oben genannten vier Dimensionen ist das Denken in Frequenzen vermutlich die schwierigste Neuerung für viele Anfänger. Wichtig ist, dass jedes Element seinen eindeutigen Platz im Frequenzbild hat. Denn jede spektrale Überlappung führt zu unerwünschten Effekten wie Frequenzmatsch. Letztendlich muss man den begrenzten Frequenzraum optimal mit den Elementen füllen. Unnötig verbrauchte Frequenzen, z.B. tiefe Anteile eines Pads, stehlen anderen Instrumenten Platz (zum Beispiel dem Bass, der dadurch nicht so prägnant klingen wird). Das wichtigste Werkzeug ist daher der EQ. Wir schneiden jedes (!) einzelne Instrument (spektral) oben und unten ab. Und zwar so hart, dass wirklich nur noch die Essenz des Sounds übrig bleibt, alles Überflüssige muss zwingend weg. Optimalerweise belegt jedes Element dann genau einen Frequenzbereich (auch wenn das in der Praxis schwer zu erreichen ist). Das ist auch aus künstlerischer Sicht richtig und erhöht den Wiedererkennungseffekt, da die einzelnen Elemente nicht von unnötigem Ballast überdeckt werden und somit die essentiellen Frequenzanteile bzw. der markante Charakter freigelegt wird. Der Tune gewinnt dadurch insgesamt an Druck, Transparenz und Individualität. Habt ihr euch jemals gefragt, warum Teebees oder Phaces Tracks so präzise klingen? Genau!
Essenzielles Analysewerkzeug ist hier der Spektral-Analyzer, der ein heiß/kalt-ähnliches Spektralbild der Musik anzeigt: Die x-Achse definiert den Hertz-Bereich (meist 0 – 22.000), die y-Achse die Lautstärke. Da das menschliche Gehirn natürlich auch für die Verarbeitung visueller Reize ausgelegt ist, kann man dies als Vorteil für die akustische Arbeit nutzen. Zusätzlich gibt es einige Frequenzen – gerade im wichtigen Bassbereich – in denen das menschliche Ohr Schwächen aufweist und die mittels visueller Tools exakter analysiert werden können. Der Einsatz der Spektralanalyse wird daher den Gesamt-Mix um ein Vielfaches aufwerten.
Eine weitere interessante Herangehensweise ergibt sich aus der Möglichkeit, das Spektralbild fremder Tracks zu visualisieren und dieses auf eigene Stücke anzuwenden.
Fokus
Diese starke spektrale Partitionierung bedeutet natürlich im Umkehrschluss, dass jeder Sound eine Funktion haben muss. Diese Funktion kann vielfältiger Natur sein, z.B. Drum-Grundgerüst oder Druck bei Subbasses. Da viele Club-PAs mono sind oder aber durch die Verteilung der Boxen im Raum Laufzeitunterschiede von Boxen zu Hörern an verschiedenen Standorten hervorrufen, sollten wichtige Elemente in jedem Fall von allen gleichzeitig und gleich laut gehört werden können. Ein typisches Anti-Beispiel ist ein Live-Konzert, bei dem die Leute in den ersten Reihen diverse Millisekunden früher mitklatschen als die Gäste weiter hinten. Was hier nur doof aussieht, killt mit Garantie jedes Club-Event. Daher gilt: Je essenzieller der Sound, desto mehr mittig beziehungsweise mono!
Drums und Bass bilden die Wirbelsäule des Tunes. Insbesondere also Kick, Snare, Bass und Subbass, aber auch andere, wichtige Elemente wie z.B. Midrange-Sounds bei Bedarf sehr weit in der Mitte des Stereofeldes platzieren. Liegt ein wichtiges Element nur als weites Stereobild vor, ermöglichen diverse Plug-Ins das Einengen des Stereofelds, so dass sich eine Quasi-Mono-Spur ergibt.
Natürlich gilt eine ähnliche Betonungsweise auch für die Lautstärke: Kick und Snare müssen zu jeder Zeit prägnant zu hören sein. Empfehlenswert ist es, diese in regelmäßigen Abständen auf Solo zu schalten, um ihre Lautstärke relativ zueinander und zum Rest zu bestimmen. Ein weiterer Trick ist es, die Gesamtlautstärke testweise auf Null herunter und langsam wieder auf Normallautstärke hochzufahren, so dass man erkennt, welche Elemente am Lautesten sind. Kick und Snare sollten außerdem etwa gleich laut im Mix wirken, was aufgrund vieler anderer Basselemente dazu führen kann, dass die Kick etwas höher ausgepegelt werden muss. Auch in solchen Situationen kann nachträgliches EQing Wunder wirken, ebenso wie ein Multiband-Kompressor.
Ablauf
Auf der Zeitachse wird das strikte Format von Drum’n’Bass offensichtlich: Da es sich um tanz- und daher mixbare Musik handelt, sollten dem DJ zuliebe gewisse Grundabläufe eingehalten werden. Tracks beginnen daher mit einem Intro, das dem DJ durch klare, zu Beginn reduzierte Drum-Strukturen vom ersten Takt an die Möglichkeit gibt, den Track in den aktuellen Mix einzubetten. Üblicherweise folgt eine Steigerungsphase gegen 1:30 mit dem anschließenden Drum’n’Bass-Markenzeichen und Adrenalinstoß: dem Drop. Danach folgt der Hauptpart, der bis 3:00 / 4:00 das Tanzbein zum Zucken bringt und vom Breakdown abgelöst wird. Danach wird im Grunde analog zur ersten Steigerung verfahren, denn es folgen der zweite Drop, der zweite Hauptteil und schließlich das Outro. Die typische Track-Länge beläuft sich auf circa 5:30 bis 6:30 Minuten, da die Stücke wegen bestimmter Materialeigenschaften nur so mit maximaler Lautheit auf Vinyl geschnitten werden können.
Während das Makro-Level des Trackaufbaus also typischen Eigenheiten folgt, bietet die Mikroebene deutlich mehr Variationsmöglichkeiten. Gemeint sind Loop-basierte Blöcke, die wesentliche Muster eines Stückes enthalten und ihn dadurch erst formen. Inhaltlich zusammengehörige Blöcke folgen einer groben 16-taktigen Struktur, ähnlich dem Strophe-Refrain-Muster aus den Charts. Die einzelnen Drum- oder Basspatterns sind üblicherweise ein oder zwei Takte lang. Dieser äußere Rahmen, innerhalb dessen als einzige Definition die Grundgeschwindigkeit von ca. 170-175 BPM maßgeblich ist, erlaubt der Crowd, eine gewisse Nachvollzieh- und dadurch Tanzbarkeit zu erkennen. Außerdem kann der DJ in Kenntnis der großen Blöcke weitere Tracks leichter überblenden. Es handelt sich also quasi um einen stillschweigend von allen Beteiligten unterschriebenen Vertrag, der gewohnte Club-Abläufe ermöglicht.
Nachdem wir die grundlegenden Prinzipien beleuchtet haben, sollen sich die verbleibenden Kapitel dieser dreiteiligen Producing-Serie mit den zu Beginn genannten verschiedenen Perspektiven eines Drum’n’Bass-Produzenten beschäftigen: Zunächst folgen soundtechnische Hinweise für die Hyde-Seite, an die sich künstlerische Aspekte anschließen. Den Abschluss bilden zwingend notwendige organisatorische Maßnahmen, die den Produzenten wertvolle Nerven retten und vor dem Abgleiten in die Schattenwelt der multiplen Persönlichkeiten bewahren sollen.
Permanent aktualisierte Infos rund um die genannten Themen gibt’s in unserem Blog www.neurocode.de.
Weblinks
www.neurocode.de
N.Phect Myspace
Text von N.Phect & Dizplay, Photos: Artist’s own



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