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[19.02.2008] - kate

DUBSTEP

Der zweite Teil der Specials über aktuelle Breakbeat-Spielarten befasst sich mit einem frischen Sound-Entwurf, der gerade dabei ist, die Stadtmauern Londons zum Erbeben zu bringen. Mit einer stetig wachsenden Hörerschar vermittelt dieser so eindringlich wie nie zuvor die Düsternis von endlosen Straßenschluchten und suburbaner Trostlosigkeit. Die Rede ist von Dubstep.

Meditate On Bass Weight!

“London kann eine harte Stadt sein, und global gesehen sind das nicht gerade glückliche Zeiten, in denen wir leben. Dubstep ist wie ein Stöpsel an eine Hirnrinde direkt an die äußeren Ränder von Babylon angeschlossen.“ Kode9, 2005

Croydon, ein relativ unscheinbarer Stadtteil in der Peripherie Südlondons, um die Jahrtausendwende: Kate Moss wuchs hier auf, und die „Internatty“- Crew rund um Grooverider und Bailey kommt auch hier her. Ansonsten kennzeichnen Shoppingmall-Rohbauten, graue Parkplätze und Betonwüsten das Bild einer tristen und ereignislosen, dafür aber umso prägnanteren Atmosphäre.

Mittendrin befindet sich der mittlerweile legendär gewordene „Big Apple Record Store“. Dieser war zu jener Zeit zentraler Dreh- und Angelpunkt der dortigen 2Step/Garage-Szene. Leute wie El-B von Groove Chronicals, Zed Bias oder auch Horsepower Productions – allesamt Pioniere einer düsteren und instrumentalen Welle im UK Garage und mit ihrer neuen Soundästhetik hauptverantwortlich für heutigen Dubstep – sowie eine ganze Meute junger Wilder (DJ Hatcha, Skream, Benga, Menta, Artwork,…) haben entweder ihren Arbeitsplatz im Big Apple, oder nutzen den Laden um abzuhängen, neueste Dubs vorzuspielen und den favorisierten Sound zu pushen.

Generell ist UK Garage mit all seinen Varianten gerade sehr populär und es verwundert so auch nicht, dass kleine Plattenlabels, die diesen weniger nach süßlichem R’nB, sondern apokalyptisch klingenden und von TripHop, frühem Hardcore Jungle, Detroit Techno, Dub und Karibik-Einflüssen geprägten Sound vertreiben, wie die Schwammerl aus dem Boden Londons wachsen.

„…Dann kam die Zeit als es ruhig um Garage wurde– die Leute kauften auch weniger. Aber wir haben einen neuen Sound daraus gemacht, mit 404 Basslines. …Wir liebten diese Basslines, wir wollten es immer dunkler und noch dunkler. Deepe Scheiße.“ Skream, 2005

Vor allem die Crew „Ammunition Promotions“ gründet um 2001 gleich mehrere Labels: u.a. Tempa, Soulja und Texture. Außerdem veranstaltete sie auch die sagenumwobenen „Forward>>“-Clubnächte in den Velvet Rooms von Soho, ein weiterer wichtiger Impuls für die junge Szene abseits des in den letzten Zügen liegenden 2Step- und Speed Garage-Hypes. Dort werden Breakbeat (vgl. die ersten Releases auf DJ Zinc´s „Bingo“ aus genau dieser Zeit), frühe Grime-Tracks und eben Dubstep vermischt, und von einer Multikulti-Crowd dankend angenommen.

Anders als beim Lobgepriesenen Grime kann sich die lokale Dubstep-Community zunächst von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet weiterentwickeln und schafft es, ohne Medienrummel und großes Tamtam vom kleinen instrumentalen Grime-Bruder einen eigenständigen Stil zu entwickeln.
In den Produktionen werden die grundlegenden Garage-Rhythmen erbarmungslos auseinander genommen und immer minimalistischer eingesetzt. X-mal durch den Filter gezogene Snare-Samples dienen als Beat-Grundgerüst und der Sound wird langsamer, düsterer und vor allem immer bassintensiver – die Reggae- und Jungle-Soundsystem-Kultur lässt grüßen.
Dazu kommen immer mehr ethnische Einsprengsel, wie z.B. arabeske Percussion-Rhythmen, Panflöten, asiatisch anmutende Melodien oder Sitarklänge. Anything goes.

„Es sind Einflüsse aller Aspekte des Lebens, nicht nur der Musik, … so viele verschiedene Stile, Künstler, Klänge und Instrumente – einfach alles! … Allerdings kann man vielleicht sagen, dass das Fundament von dem, was wir machen, Jungle ist.“ Digital Mystikz, 2005

Die intensive Klang- und Tieffrequenzforschung vieler Producer um 2003 bewirkt, dass der Sound nach und nach auf seine unmittelbare physische Wirkung reduziert wird. Eine noch sehr überschaubare Community lässt sich lieber von ihren monströsen Subbässen als von hysterischen Trend-Scouts voranbringen. Überhaupt beruft sich beinahe die gesamte Szene auf Ursprünge im Jungle der frühen Neunziger Jahre, auf dessen Underground-Haltung – sprich: selbst organisierte Vertriebskanäle und die Offenheit in der Musik – die Drum’n’Bass durch starre Reglementierung abhanden gekommen ist.

Trotz dieser „Anti Hype“-Haltung wird der Begriff „Dubstep“ erstmals auch auf Cover bekannter Musikmagazine verwendet und immer mehr zu einer eigenen Kategorie. Internet-Blogs, die genau dokumentieren und sich um eine frühe Historisierung bemühen, sowie Piraten-Radios wie „Rinse FM“ bieten eine lebensnotwendige Plattform und tragen zur weiteren Identitätsfindung entscheidend bei.

Besonders DJ Hatcha, der immer wieder neue Talente wie z.B. Skream, Benga oder die Digital Mystikz in seinen Sets unterbringt, prägt die Dubstep-Landschaft nachhaltig. Ihm wird auch die Ehre zuteil, 2004 den ersten nennenswerten Dubstep-Mix auf CD zu veröffentlichen („Dubstep Allstars Vol.1“ auf Tempa). Auch zwei Compilations auf Rephlex, zur Irritation aller mit „Grime“ betitelt, sorgen für neue Hörer jenseits der Suburbs Südlondons.

„Ich bin nicht glücklich mit ‚Futurismus’ im Dubstep, das ist eine falsche Prophezeiung. Dubstep ist nicht irgendein Cyber-Future-Sound, es ist Jetzt-Musik.“ Anonym, Blackdownsoundboy-Blog, 2006

Brixton, ein weiterer Stadtteil Londons, im Hier und Jetzt: Während der „Fwd>>“-Club mittlerweile ins „Plastic People“ nach Shoreditch übergesiedelt ist, finden hier, inmitten einer Wohngegend für jamaikanische Immigranten, alle zwei Monate die DMZ-Partys statt. Der Rückraum einer ehemaligen Kirche wird bei DMZ, veranstaltet von Mala, Coki (aka Digital Mystikz) und Loefah, weiter für spirituelle Feiern genutzt; allerdings in einem anderen Kontext. Ein Soundsystem, das mit seinen Schallwellen nicht nur das alte Gemäuer sondern auch sämtliche Besucher zum Vibrieren bringt, ist das Herzstück dieser Partys. Dementsprechend lautet das Motto „Come meditate on bass weight!“, das das besondere Flair von DMZ beschreibt.

In den letzten Monaten erlebte die Party-Reihe einen nie erahnten Aufschwung, der einmal sogar dazu führte, dass eine bereits laufende Veranstaltung in eine größere umliegende Halle verlegt werden musste. 600 Menschen, die vor dem Eingang gewartet hatten, dankten es den Veranstaltern mit der für DMZ typischen positiven und friedlichen Atmosphäre.

„Wir wollen nur riesige Lautsprecher und einen dunklen Raum, nicht mehr. Auf den Flyern ist nie mehr als Text, …wir hypen die Partys nicht künstlich. Wir sagen ja nicht einmal ‚Dubstep’.“ Mala, 2006

Mittlerweile hat das DMZ-Trio aufgrund des großen Erfolgs der Partys ein eigenes Label mit gleichem Namen gegründet. Das Spektrum der Soundeinflüsse hat sich noch einmal verbreitert und trägt so zu einer weiteren Popularisierung von Dubstep bei. Die Beats variieren von gerade bis gebrochen, in manchen Stücken tauchen Reggae-Elemente auf, wieder andere zitieren die Klangästhetik von Techno. DMZ ist 2006 so populär geworden, dass manche Leute aus dem Ausland nach Brixton kommen, um das unnachahmliche Flair der Party miterleben zu können. Auch die Plattenverkäufe haben sich zu vierstelligen Zahlen aufgemacht und lassen damit so manch populären Grime- Artist hinter sich.

Mitentscheidend für den Dubstep-Höhenflug 2006 war sicherlich auch ein „Breezeblock“-Feature von Mary Anne Hobbs auf BBC Radio 1 namens „Dubstep Warz“, das weltweit großen Anklang fand und für einen weiteren Schub in Richtung Internationalisierung der Szene sorgte. Namen wie Skream, Kode9, Vex´d, Hatcha oder Distance gaben sich die Ehre und präsentierten einem gigantischen Publikum ihre besten Tunes und exklusive Dubs.

Doch nicht nur auf Partys oder im Radio-Format (neben BBC und regelmäßigen Internet-Streams sind vor allem Englands illegale Piraten-Stationen erwähnenswert) funktioniert Dubstep richtig gut. Der Sound ist in den letzten Jahren so weit gereift, dass er auch ganze Alben füllen kann, ohne auch nur ansatzweise zu langweilen.

Der von vielen Musikgazetten als Wunderkind betitelte Skream aka Ollie Jones, gerade 20 Jahre alt, begann im zarten Alter von 15 mit dem Produzieren. Mittlerweile zählt er zu den bekanntesten Aushängeschildern der Szene und legte vergangenen Sommer seinen ersten, lange herbeigesehnten Longplayer vor. Dass dafür so simple Production-Tools wie das Gratis-Programm „Fruity Loops“ verwendet wurden, hört man kein bisschen. Dafür ist es umso verblüffender, mit welch geringem technischen Aufwand Skream es in die Tracklists von DJ-Topstars wie Ricardo Villalobos geschafft hat. So geschehen mit seinem bis dato herausragendstem Hit „Midnight Request Line“, dessen szeneübergreifender Erfolg wohl für alle eine Überraschung ist, aber auch das Potenzial von Dubstep für größere Hörerschichten zeigt. Sicher ist, dass man von Skream noch einiges auf die Ohren und Eingeweide bekommen wird, schließlich kann der gute Mann von sich behaupten, mehrere Tausend fertige Tracks auf seinen Festplatten liegen zu haben.

Ein anderes Album, das mehr ist als rein auf Tanzflächenfunktionalität ausgerichtete Clubmusik, und deshalb jetzt schon als Klassiker bezeichnet werden kann, ist das selbst betitelte Album von „Burial“, erschienen auf Kode9´s Label Hyperdub.

„Ich wollte dass es reine Vibes sind, urban, der Sound den ich so liebe. Kein Genre, nur der Sound.“ Burial, 2006

Auf dem Cover von „Burial“ ist eine nächtliche Luftaufnahme Südlondons abgebildet und genauso klingt es auch: wie ein Streifzug durch ein dunkles und mystifiziertes Abbild der Stadt. Die vielfältigsten Soundquellen von Umgebungsgeräuschen wie prasselndem Regen, Stimmfetzen oder loderndem Feuer bis hin zum Rattern der Londoner U-Bahn werden zu klaustrophobischen und morbiden Klangbildern verwoben.
Durch seinen eklektischen, experimentellen Ansatz (auch dieses Album wurde ohne Sequenzer und mit einfachster Software zusammen geschnippselt) eigentlich ein Gegenentwurf zur formalisierten Clubmusik, wächst „Burial“ mit jedem Durchlauf weiter. Immer wieder gibt es subtile Klangspielereien zu entdecken; leichte Abweichungen im Timing der Beats machen das Besondere aus und ziehen nur noch mehr in den hypnotischen Bann dieses beeindruckenden und universellen Albums – egal ob am Lagerfeuer oder bei der nächtlichen Fahrt auf der Autobahn.

„Dubstep ist derzeit noch wie die Ursuppe. Aber eins ist klar. Wenn sich neue Subgenres aus den internationalen Einflüssen herausschälen, dann werden sie nach wie vor in Südlondon gebrandet.“ Martin Clark, 2006

Wo „Burial“ unberechenbar Grenzen sprengt und deshalb eine besondere Empfehlung wert ist, wird anderswo schon wieder eifrig in neue Style-Schubladen eingeordnet.
Doch egal wie sich die aktuellsten Sparten von Dubstep nennen (momentan sind „Halfstep“, „Microstep“ und „Breakstep“ geflügelte Worte in dieser Auseinandersetzung): Im Prinzip ist dieser Sound sowieso schon lange da gewesen. Hört man heute alte Platten von Massive Attack, Tricky oder vergleichbare Produktionen aus dem Triphop-, Ambient- oder Downtempo-Bereich, wird man feststellen, dass nur die Etikette anders ist, und hier eine Entwicklung im Gange ist, die genau genommen sogar bis in die 1970er-Jahre zu den ersten Reggae-/Dub-Soundsystemen zurück reicht.
Doch auch die Verbindungen zum Drum’n’Bass des 21. Jahrhunderts sind vielfältig. Juju, Tech Itch, Amit, Hijack (übrigens Skreams großer Bruder), Spirit, MC Jakes, DJ Zinc, um nur einige zu nennen, können entweder mit eigenen Dubstep-Tunes aufwarten, lassen typische Elemente in ihre eigene Klangästhetik einfließen oder sind sonst irgendwie in der Szene aktiv.

Dies alles ist einer rasant wachsenden Gemeinschaft zu verdanken, die seit dem vergangenen Jahr nicht mehr nur in England (Bristol sei hier noch als löbliche Alternative zur Hauptstadt erwähnt), sondern in allen Ecken der Welt – ob Sao Paolo, Brüssel, Melbourne oder Seattle – zu finden ist. Den Kinderschuhen entwachsen, steht 2007 ein aussichtsreiches Jahr bevor, mit der (noch) offenen Frage, wie der bevorstehende Crossover mit Baile Funk, Acid-Techno oder Hyphy dann wohl klingen mag.

Unabhängig davon, wie sich die Musik unter all diesen neuen Perspektiven weiterentwickeln wird, bleibt zu wünschen, dass Dubstep in diesem Jahr, oft als zu chillig zum Tanzen, party-untauglich oder als typische 2nd-Floor-Musik abgestempelt, auch im deutschsprachigen Raum öfters mal den Sprung vom heimischen Kofferradio auf die großen Soundsysteme der städtischen Clubs schafft. Frei nach dem Motto: „Einmal gedroppt – nie mehr gestoppt.“

Infos:
DAS Forum – www.dubstepforum.com
Links zu Mixes, Reviews und anderen Blogs – gutterbreakz.blogspot.com
Stories, Interviews etc. – blackdownsoundboy.blogspot.com
bestens sortierter Online-Plattenshop – www.bouncerecords.biz
Londons Piratenradio inklusive Stream – www.rinse.fm
Berliner Dubstep-Crew – www.freakcamp.net

words by Sebastian Veronesi

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 6 – Jetzt bestellen


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